Souveränität ist zum Schlüsselbegriff einer Weltordnung geworden, die sich neu zu sortieren versucht. Während politische, ökonomische und kulturelle Systeme zunehmend auseinanderdriften, bleibt eine Sphäre eigentümlich verflochten, vernetzt und wechselseitig abhängig: die digitale Welt.
Unter dieser Beobachtung kommt der zweite Fellow-Jahrgang des St. Gallen Collegiums der Universität St. Gallen zusammen, um sich der Frage nach digitaler Souveränität zu widmen – einer der zentralen Denkaufgaben einer Gegenwart, die ihre technologischen Grundlagen zunehmend als Abhängigkeit erfährt.
Digitale Technologien sind längst zur kritischen Infrastruktur von Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft geworden. Doch je selbstverständlicher diese Infrastruktur wird, desto deutlicher zeigt sich auch ihr Preis: Wer sich auf im Ausland entwickelte und betriebene Technologie verlässt, gibt damit auch ein Stück Handlungsfähigkeit ab. Bereits 2021 forderten die damalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel gemeinsam mit den Regierungschefinnen Dänemarks, Estlands und Finnlands vor der Europäischen Kommission, es sei „Zeit für ein digital souveränes Europa". Im Nachgang der 61. Münchner Sicherheitskonferenz wurde dieser Ruf von der europäischen Industrie mit Nachdruck aufgegriffen – als Forderung nach einer industriepolitischen Strategie zum Abbau kritischer Abhängigkeiten.
Doch digitale Souveränität ist mehr als ein staatspolitisches Anliegen. Wie das Weltwirtschaftsforum betont, betrifft die Frage alle Ebenen – bis hinunter zur einzelnen Bürgerin, zum einzelnen Bürger: Digitale, technologische und Datensouveränität meinen die Fähigkeit, die Kontrolle über die eigenen digitalen Daten, Werkzeuge und Infrastrukturen zu behalten. Hinzu kommt eine tiefer reichende Beunruhigung: Was, wenn Technologie selbst zunehmend autonom wird – wenn Künstliche Intelligenz zu einem eigenständigen Akteur neben dem Menschen wird? Diese Aussicht wirft die Frage nach Souveränität in einer radikal neuen Schärfe auf.
Digitale Souveränität lässt sich daher nicht auf eine Disziplin, eine Ebene oder einen Akteur reduzieren. Sie stellt sich als Frage der individuellen Autonomie ebenso wie der staatlichen Handlungsfähigkeit, als Frage unternehmerischer Kontrolle ebenso wie globaler Gerechtigkeit, als Frage rechtlicher Regulierung ebenso wie der Stellung des Menschen in einer zunehmend von nicht-menschlichen Akteuren mitgestalteten Welt. Mögliche Forschungslinien reichen entsprechend von der digitalen Autonomie des Einzelnen über die Macht von Plattformkonzernen und die digitale Souveränität von Unternehmen bis zu Fragen globaler Ungleichheit im Zugang zu digitaler Kontrolle sowie der grundsätzlichen Frage, was Souveränität in einer post-humanen digitalen Welt überhaupt noch bedeuten kann.
Das St. Gallen Collegium lädt Forscher:innen aller Disziplinen ein, sich diesem lösungsorientierten Diskurs anzuschließen – insbesondere dort, wo sich das Technische mit dem Normativen, das Lokale mit dem Globalen und das Individuelle mit dem Institutionellen verschränkt. Unter dieser Leitfrage tritt der zweite Fellow-Jahrgang des St. Gallen Collegiums im Herbst 2026 zusammen.