Performance

Jahresthema - Collegium 2027/28

Die Ausgangsfrage: Worum es geht

Vorbemerkung: Im Folgenden wird immer wieder das eingedeutschte Fremdwort «Performance» gebraucht, wie es auch in der ausführlicheren englischsprachigen Ausschreibung (siehe unten) verwendet wird. Dadurch wird die Ambivalenz des Begriffs beibehalten. «Performance» kann nicht nur mit dem deutschen Begriff «Leistung» übersetzt werden. Vielmehr stecken in «Performance» auch deutsche Begriffe wie «Darstellung», «Aufführung» oder «Inszenierung». Im Kontext der darstellenden Künste («performing arts») könnte man hier an eine überzeugende schauspielerische Darbietung denken, aber im Kontext anderer gesellschaftlicher Bereiche kann man eben auch allgemein an die Darstellung oder Inszenierung von (Arbeits-)Leistung denken. Mit anderen Worten bleibt im englischen Begriff der Gedanke erhalten, dass Leistung nicht selbsterklärend ist, sondern auch definiert, repräsentiert und erfasst werden muss.

Die Forderung nach «mehr Leistung» oder «besserer Performance» hat in der europäischen Wirtschaft und Politik als Reaktion auf die vermeintlich sinkende Produktivität vieler Volkswirtschaften wieder stark an Bedeutung gewonnen. Sie spiegelt zugleich den Wandel der Werte und Präferenzen der jeweiligen Gesellschaften wider: Was soll wie und warum optimiert werden?

Unternehmen verkünden dies offen: Nestlé erklärt, leistungs- bzw. performance-orientierter werden zu wollen; die UBS betont, dass die Leistung bzw. Performance wieder im Mittelpunkt stehen müsse. Die Politik ist diesem Beispiel gefolgt. Der Schweizerische Arbeitgeberverband warnt vor einer sich ausbreitenden Kultur der Lifestyle-Freizeit. Die deutsche CDU wirbt mit dem Slogan «Leistung muss sich wieder lohnen». Kommentator:innen fordern «Arbeit (engl. work) statt Woke». Das Wort leistet Schwerstarbeit. Das Konzept selbst wird jedoch selten hinterfragt.

Begriffe wie «Performance» und «Leistung», wie wir sie heute verwenden, haben eine relativ junge Geschichte. Die Historikerin Nina Verheyen hat dargelegt, dass die messbare, vergleichbare individuelle Leistung im 19. Jahrhundert ihre heutige Form annahm – geprägt durch den Aufstieg der Massenbildung, der industriellen Arbeit und des Sozialstaats. Frühere Traditionen verbanden Leistung enger mit der Arbeit selbst – mit Handwerk, Fürsorge und Qualitätsstandards, die innerhalb einer Praxis umgesetzt und anhand ihrer eigenen internen Normen beurteilt wurden. Der Wandel hin zu abstrahierten, quantifizierten Leistungen war nicht unvermeidlich. Er wurde konstruiert und kann hinterfragt werden. Vieles von dem, was als individuelle Leistung bezeichnet wird, weist untrennbar relationale Merkmale auf. Beiträge entstehen zwischen Menschen, im Kontext, gestützt durch Vorgänger:innen, Kolleg:innen, Institutionen und überliefertes Wissen. Messsysteme spiegeln Leistung nicht einfach wider – sie legen fest, was als Leistung gilt, und lassen andere Arten von Beiträgen unsichtbar werden. Der Kollege, der anderen aus der Klemme hilft, das institutionelle Gedächtnis, das von langjährigen Mitarbeiter:innen getragen wird, die Betreuungsarbeit, die alles andere erst möglich macht: All dies fällt meist nicht unter das, was erfasst und belohnt wird. Die Landkarte ist nicht das Gleiche wie das darauf repräsentierte Gelände, doch in Leistungskulturen bestimmt die Art der Repräsentation zunehmend, wessen Arbeit zählt.

Die Begrifflichkeit der «Performance» hat zudem eine erhebliche moralische Tragweite. Eine meritokratische Sichtweise betrachtet Erfolge meist als verdient und Misserfolge gerne als persönliches Versagen. Der Harvard-Moralphilosoph Michael Sandel hat argumentiert, dass diese Sichtweise bei den Erfolgreichen Überheblichkeit und bei den Erfolglosen Demütigung hervorruft – mit Folgen für die gesellschaftliche Solidarität, die weit über die betroffenen Einzelpersonen hinausreichen. Ob und in welchem Ausmass diese Dynamik in verschiedenen institutionellen und kulturellen Kontexten wirkt, ist selbst eine drängende Forschungsfrage, die in den jüngsten Debatten über Polarisierung, Ressentiments und den Zerfall des sozialen Zusammenhalts neue Dringlichkeit gewonnen hat. Die Wirtschaftsleistung wird auch von Kräften geprägt, die weder Einzelpersonen noch Unternehmen kontrollieren können. Der demografische Wandel ist dabei vielleicht der folgenreichste Faktor. Was bedeutet Wohlstand, wenn im Jahr 2050 etwa 30 % der Schweizer Bevölkerung über 65 Jahre alt sein werden, verglichen mit nur 9 % im Jahr 1950? Was bedeutet es für Produktivität, Innovation und Pflege, wenn die Bevölkerung Deutschlands zu schrumpfen beginnt und bis Mitte des Jahrhunderts um schätzungsweise 13 % zurückgehen wird? Wie können Gesellschaften das Potenzial eines längeren Lebens nutzen, anstatt die gestiegene Lebenserwartung ausschließlich als finanzielle Belastung zu betrachten? Diese Fragen erfordern ein Umdenken darüber, wie und was als Wirtschaftsleistung gilt – und für wen.

Die Frage, wer definiert, was als Performance (bzw. Leistung) gilt, und wer von den dadurch geschaffenen Kategorien profitiert, ist nicht nur technischer, sondern auch politischer und philosophischer Natur. Das St. Gallen Collegium lädt Forscher:innen aller Fachrichtungen ein, die an einem lösungsorientierten, interdisziplinären Diskurs über Leistung interessiert sind.

Die vollständige Ausschreibung finden Sie weiter unten. Informationen speziell zum Binswanger Fellowship finden Sie hier.

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