Forschung - 24.09.2026 - 15:00 

St.Gallen Collegium beschäftigt sich im zweiten Jahr mit «digitaler Souveränität»

Das St.Gallen Collegium stärkt den Ruf der Universität St.Gallen als einem interdisziplinären Denkplatz. Von September 2026 bis Mai 2027 wird sich eine internationale Gruppe von sieben Forschenden mit den Herausforderungen digitaler Souveränität auseinandersetzen. Neuer akademischer Leiter ist Dr. Julian Eckl.
Quelle: HSG Newsroom
Team der zweiten Kohorte des St.Gallen Collegiums (v.l.o.n.r.u.): Julian Eckl (akademischer Leiter), Thomas Ramge, Lina Zedriga, Martin Ebers, Salma Aqida, Eno Trimçev, Martín Harracá und Minna Ruckenstein

Mit dem Beginn des Herbstsemesters 2026 startet das St.Gallen Collegium ins zweite Jahr. Die erste Fellow-Kohorte des HSG-Wissenschaftskollegs hatte sich mit der Frage beschäftigt: Wie kann Freiheit neu interpretiert werden? Die zweite Kohorte fokussiert sich nun auf das Thema «digitale Souveränität». 

Kritische Infrastruktur

Souveränität ist zum Schlüsselbegriff einer Weltordnung geworden, in der politische, ökonomische und kulturelle Systeme zunehmend auseinanderdriften. Die digitale Welt hingegen ist eigentümlich verflochten und vernetzt. Eine Besonderheit unserer Zeit ist, dass sie ihre technologischen Grundlagen zunehmend als Abhängigkeit erfährt.

Digitale Technologien sind heute kritische Infrastruktur von Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft. Doch je selbstverständlicher diese Infrastruktur wird, desto deutlicher zeigt sich auch ihr Preis: Wer sich auf im Ausland entwickelte und betriebene Technologie verlässt, wird abhängig und verliert Handlungsfähigkeit. 

Bereits 2021 appellierten die Regierungschefinnen Deutschlands, Dänemarks, Estlands und Finnlands an die Europäische Kommission, es sei «Zeit für ein digital souveränes Europa». Im Nachgang der 61. Münchner Sicherheitskonferenz im Jahr 2025 wurde dieser Ruf von der europäischen Industrie mit Nachdruck aufgegriffen – als Forderung nach einer industriepolitischen Strategie zum Abbau kritischer Abhängigkeiten.

Digitale Infrastruktur betrifft alle Bürgerinnen und Bürger

Doch digitale Souveränität ist mehr als ein staats- und wirtschaftspolitisches Anliegen. Sie betrifft alle Ebenen bis hinunter zur einzelnen Bürgerin, zum einzelnen Bürger. Digitale, technologische und Datensouveränität bezeichnen die Fähigkeit, die Kontrolle über die eigenen digitalen Daten, Werkzeuge und Infrastrukturen zu behalten. Hinzu kommt eine tief reichende Beunruhigung. Was passiert, wenn digitale Technologien selbst zunehmend autonom agieren und Künstliche Intelligenz zu einem eigenständigen Akteur neben dem Menschen wird? Diese Aussicht wirft die Frage der Souveränität in einer radikal neuen Schärfe auf.

Digitale Souveränität lässt sich nicht auf eine Disziplin, eine Ebene oder einen Akteur reduzieren. Für das St.Gallen Collegium wurden im Rahmen eines kompetitiven Auswahlverfahrens sieben Fellows aus unterschiedlichen Disziplinen ausgewählt, die digitale Souveränität in ihren unterschiedlichen Facetten erkunden und durchdenken werden. Sie werden dies im Rahmen gemeinsamer Forschungsaktivitäten sowie mit individuellen Projekten tun.

Die sieben neuen Fellows der zweiten Kohorte des St.Gallen Collegiums

  • Salma Aqida
    Kistefos Fellow Dr. Salma Aqida hat an der Goethe-Universität in Frankfurt in Deutschland promoviert sowie an der Cornell Universität und am KITLV Leiden geforscht. Ihr Projekt am Collegium trägt den Titel: «Digitale Souveränität oder digitaler Autoritarismus? Digitale Governance in hybriden Regimen neu denken». Sie sagt: «Digitale Souveränität ist mir wichtig, weil sie Aufschluss darüber gibt, wie politische Akteure in autoritären und hybriden Regimen die Rhetorik der Autonomie als diskursives Mittel einsetzen, um subtile Kontrollmechanismen zu verschleiern und autoritäre Macht zu legitimieren.»
     
  • Martin Ebers
    Michael Hilti Fellow Prof. Dr. Martin Ebers von der Robotics & AI Law Society (RAILS) ist Professor für IT-Recht an verschiedenen Universitäten in Europa. Am Collegium verfolgt er ein Projekt mit dem Titel «Der Rechtsrahmen für digitale Souveränität: Individuelle Autonomie und institutionelle Governance im Zeitalter Künstlicher Intelligenz». Er betont: «Angesichts des zunehmenden Einflusses digitaler Technologien auf unsere Gesellschaft ist digitale Souveränität unerlässlich, um Grundrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu wahren.» 
     
  • Martín Harracá
    Kistefos Fellow Dr. Martín Harracá arbeitet an der Nationalen Universität San Martín, Buenos Aires, in Argentinien und hat Forschungsanbindungen an die Universität Buenos Aires und die Universität Surrey. Sein Projekt am Collegium trägt den Titel: «Wer legt die Regeln fest? Wie die Regulierung digitaler Plattformen die lateinamerikanischen Volkswirtschaften prägt». Er sagt: «Ich bin davon überzeugt, dass digitale Souveränität der Schlüssel zu einer nachhaltigen und gerechten Entwicklung ist, denn sie entscheidet darüber, ob unsere Gesellschaften die Fähigkeiten aufbauen können, die diese Epoche erfordert, um ihre eigenen öffentlichen Aufgaben zu erfüllen.» 
     
  • Thomas Ramge
    Senior Outreach Fellow Dr. Thomas Ramge aus Deutschland ist Autor von über 20 Büchern und Wissenschaftskommunikator. Sein Projekt am Collegium trägt den Titel «Erfinden statt imitieren: Der Innovationsimperativ für selektive technologische Unabhängigkeit». Er ist überzeugt: «Europa wird nur durch radikale Innovationen wieder technologisch souveräner werden.»
     
  • Minna Ruckenstein
    Ria & Arthur Dietschweiler Fellow Prof. Dr. Minna Ruckenstein von der Universität Helsinki in Finnland hat eine Professur für neu entstehende Technologien in der Gesellschaft. Ihr Projekt am Collegium trägt den Titel: «Dimensionen der Autonomie in den Beziehungen zwischen Mensch und KI». Sie hebt hervor: «Digitale Souveränität zwingt uns dazu, uns zu fragen, wie wir die Bedingungen unseres digitalen Daseins verbessern können.
     
  • Eno Trimçev
    Early Career Fellow Dr. Eno Trimçev von der Universität Halle-Wittenberg in Deutschland verfolgt ein Projekt mit dem Titel: «Als wären wir souverän: Digitalisierung und demokratische Zukunftsentwürfe». Er hält fest: «Ich interessiere mich für die Bedeutung der digitalen Souveränität für das demokratische bürgerliche Dasein: für die Möglichkeiten des Zusammenlebens und gemeinsamen Handelns, die sie eröffnet; für jene, die sie möglicherweise ausschliesst; und dafür, was diese Veränderungen für die menschliche Entwicklung bedeuten könnten.»
     
  • Lina Zedriga
    SENN Fellow Dr. Lina Zedriga ist eine gesellschaftlich und politisch aktive Juristin sowie Friedens- und Konfliktforscherin aus Uganda. Ihr Projekt am Collegium trägt den Titel: «Demokratische Resilienz und digitale Souveränität in Afrika: Uganda als Pilotfall». Sie sagt: «Digitale Souveränität ist mir wichtig, weil sie uns die Freiheit gibt, unsere eigenen Geschichten zu erzählen, anderen durch ihre Geschichten zu begegnen und aus Sichtbarkeit Verständnis und aus Verständnis Brücken entstehen zu lassen.»


Mit dem Start des zweiten Jahres ist die akademische Leitung des Collegiums von Prof. Dr. Claudia Brühwiler auf Dr. Julian Eckl übergegangen, Politikwissenschaftler an der School of Economics and Political Science. Er interessiert sich für immersive Forschungs- und Lehrmethoden wie Ethnographie und spielbasiertes Lernen. Mit Blick auf das kommende akademische Jahr hält er fest: «Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit unseren wunderbaren Fellows. Für mich beschreibt (digitale) Souveränität nicht nur die materiellen Fähigkeiten einzelner Akteure, sondern auch eine soziale Institution der globalen Ordnung, die derzeit neu ausgehandelt wird.» 

Prof. em. Dr. Christoph Frei begleitet die Fellows auch im zweiten Jahr als Convenor und Moderator der internen Workshops. Administrativ wird das Collegium von Cornelia Kappeler unterstützt.

Der dritte Jahrgang des St.Gallen Collegiums startet im Herbst 2027. Er wird sich dem Thema «Performance» bzw. «Leistung» widmen. Die Bewerbungsfrist läuft noch bis zum 18. Oktober 2026.


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St. Gallen Collegium News

Die News des St. Gallen Collegiums geben Einblicke in die laufenden Aktivitäten, Projekte und öffentlichen Beiträge unserer Fellows. Sie zeigen, wie Forschung über den akademischen Kontext hinaus wirkt und in gesellschaftliche Debatten eingebracht wird.
Ob Medienauftritte, Publikationen oder Veranstaltungen, die Beiträge dokumentieren, wie am Collegium neue Perspektiven auf zentrale Fragen unserer Zeit entstehen und sichtbar werden. Sie machen deutlich, wie wissenschaftliche Arbeit und öffentlicher Diskurs zusammenfinden.

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